Tiefenbacher Winzergemeinschaft e.V.
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   Aktuelles

am 16.11.2017

 

Primeur est arrivee

Auszug „Tiefenbacher Chronik“ 1996

Geschichte des Tiefenbacher Weinbergs

von Werner Cornelius

Sebastian Münster, am 20. Januar 1488 geboren - den markanten Kopf des humanistischen Universalgelehrten finden wir auf dem 100-DM-Schein  - gibt folgenden Hinweis:"Das Land Hessen wie auch das gantz  Nider­-Teutschland hat kein Weinwachß außgenommen was auff dem Rhein und an der Lohn ligt .."

Diese, vor nahezu 500 Jahren getroffene Feststellung, lässt sich bis in die Gegenwart nachvollziehen. Entdecken wir doch bei einem Gang durch die heimischen Städte und Dörfer immer wieder Straßenbezeichnungen wie „Am Wingerten, Am Weingarten oder Am Weinberg“. In ihnen schwingt die Erinnerung an jene Jahrhunderte nach, in denen die Süd- und Westhänge der hiesigen Gemarkungen mit Weinstöcken bepflanzt waren und sich große Teile unserer Heimat als eine Rebenlandschaft darboten.

Bereits 1383 verschreibt Graf Otto zu Solms-Braunfels seiner jungen Frau Agnes am Hochzeitstag als Morgengabe den Weingarten zu Oberndorf.

Um 1450 finden im"Rothen Buch", einem Solmser Liegenschaftsverzeichnis, mehrere Weingärten zu Leun im Oberfeld gelegen, Erwähnung. Und ein Hochwald, zwischen Hirschhausen und Tiefenbach, wird als "Wingert" bezeichnet. Dort lag Rabenscheid, bereits vor 600 Jahren wurde das Dörfchen zur Wüstung. Der Wingert war der Rabenscheidsche Weinberg. Auf Tiefenbach bezogen, gab es in jener weit zurückliegenden Zeit drei Hänge, die mit Rebstöcken besetzt waren: "Der alte Weingarten", "die Weingärten" und der Weinberg am "Mittelberg" (heute Ginsterberg). 

Durch die Wirrnisse des 30jährigen Krieges wurde der heimische Weinbau empfindlich gestört. Im verminderten Maße blühte er nach dem großen Krieg noch einmal auf, um dann fast gänzlich zum Erliegen zu kommen. Nur vereinzelt konnten sich an der mittleren Lahn noch einige Weinberge halten. So ist überliefert, dass um 1700 die Oberen der Cameralen des löblichen Reichskammergerichts zu Wetzlar von einem Solmser Grafen mit "Löhnberger Rothen" bewirtet wurden.

Am 1. März 1806 wurde in Wetzlar der an der Dalheimer Kapelle gelegene 15 Morgen große Weinberg des Kammergerichtsprokurators Groß öffentlich meistbietend versteigert; 1811 reifte an der Lahn ein Jahrgang heran, der alles bisher da gewesene in den Schatten stellte. Diese Ernte ging nachfolgend als "Kometenwein" in die Geschichte der Zechkunst ein.

 Noch 1858 wurde der zwölf Jahre später aufgelassene Braunfelser "Hainberg" (zu Füßen des Schlosses gelegen) erneut mit Rebstöcken bepflanzt. Das letzte "Altenberger Hausmittel" - so das Etikett - gleichfalls ein Rotwein, der an dem sich zur Lahn hinab neigenden Südhang des ehemaligen Klosters Altenberg reifte, wurde 1891 gekeltert.  

Die Reblaus - eine tödliche Gefahr

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts näherte sich dem europäischen Weinbau eine tödliche Gefahr: die Reblaus. Bis zu dieser Zeit war das kleine Schadinsekt, das man nicht kannte und von dem man nichts wusste, bei uns unbekannt gewesen. Von Nordamerika kommend, hatte es den Weg nach Frankreich gefunden. Der Schädling überflutete die Weinbaugebiete wie eine verheerende Seuche und brachte die angebauten Rebstöcke zum Absterben. Innerhalb weniger Jahrzehnte war der französische Weinbau zum Erliegen gekommen. 1874 wurde das käferartige Insekt in der Pfalz festgestellt. Noch vor der Jahrhundertwende hatte die Reblaus den Rhein passiert und war zu den Hängen der unteren Lahn vorgedrungen. Verzweiflung machte sich unter den Winzern breit. Sie wussten lediglich, dass diese 1,2 mm große gelbgrüne, mitunter auch bräunliche Pflanzenlaus, gegen die kein Kraut gewachsen war, die Wurzeln der Reben auffraß. Dies hatte den Tod des Weinstocks zur Folge. Jahrzehntelang sah es so aus, als wäre es mit dem Weinbau am Ende.Im Jahre 1929 fiel auch noch, als Spätfolge der Schädlingsinvasion, der berühmte "Runkeler Rote", gekeltert aus der Blauen Spätburgunder Traube, der Reblaus zum Opfer. Zwischenzeitlich war man in Nordamerika auf eine bis dahin kaum beachtete Rebsorte aufmerksam geworden. Ein Gewächs, das üppig gedieh und, das war das Kuriosum, von der Reblaus nicht befallen wurde. Doch lieferte es, zum Leidwesen der Winzer, einen ganz und gar minderwertigen Wein. An diesen Rebstock, dessen Wurzeln gegen die kleinen Läuse immun waren, klammerten sich alle Hoffnungen der Weinbauern. Bot sich doch gleich anderen europäischen Ländern, die sich aufgrund der Reblauskonvention von 1881 zu koordinierten Bekämpfungsmaßnahmen entschlossen hatten, nunmehr auch dem preußischen Staat die Möglichkeit, den um ihre Existenz ringenden Winzern zu helfen. Es galt den Versuch zu wagen, amerikanische, gegen die Reblaus unempfindliche Rebstöcke zu importieren und ihnen gesunde europäische Stecklinge aufzufropfen. Ein Vorhaben, das rückblickend als Pionierleistung zu werten ist.

 Tiefenbacher Rettungsversuch

Im Jahr 1901 sucht der Leiter der Baumschule für Stadt und Kreis Wetzlar  im Auftrag der preußischen Regierung einen von der Reblaus nicht befallenen, vom Rheinischen Weinbaugebiet nicht allzuweit entfernten Südhang für ein Experiment.

Es galt, als erste Maßnahme gegen den tierischen Schädling, Schnittholz von amerikanischen Reben als Unterlagenholz zu gewinnen. Zu einem späteren Zeitpunkt sollten in Fortführung des Versuchs auf diese resistenten Wurzelhölzer Reiser von heimischen Edelreben wie Riesling, Silvaner, Spätburgunder etc. gepfropft werden. Man hoffte, Reben heran zu züchten, die gegen die Laus immun waren und Qualitätsweine lieferten. Schließlich fiel nach sorgfältigem Abwägen die Wahl auf den ehemaligen "Wingert" in Tiefenbach, zu der Zeit ein 700 Einwohner zählendes Dorf im Solmser Land. Der "Wingert" war ein während des 30jährigen Krieges aufgelassener Weinberg, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Klee eingesät worden war.

Inzwischen hatte er seinen alten Namen verloren; dieser ca. 6 ha große Südhang - wegen seiner günstigen Lage die wärmste und geschützteste Stelle im Kreis Wetzlar – erwies sich nach Besichtigung durch die Rheinische Rebenveredlungskommission aus Geisenheim und nach verschiedenen, zur Zufriedenheit verlaufenen Bodenproben, als für den Versuch geeignet.

Auf Anordnung des preußischen Staates wurde im Einvernehmen mit den Eigentümern ein 1,0636 ha großes Teilstück des "Kleebergs' unter die Aufsicht der Rebenveredlungskommission gestellt. Als Rebensperranstalt gedacht, lag diese Einrichtung gänzlich außerhalb des Weinbaugebietes. Sie sollte als Quarantänepflanzung für die neu aus dem Ausland (Frankreich) eingeführten amerikanischen Reben dienen und die Einschleppung der Reblaus und weiterer Rebenschädlinge verhüten.

Zur großen Freude der Winzer und der Freunde des Weines gelang das geplante Vorhaben. Den Wurzeln der jungen Setzlinge vermochte die Reblaus nichts anzuhaben. Sie widerstanden der Seuche. Doch immer wird es für die Freunde des Weines, die mit viel Akribie den zartesten und feinsten Duft­ und Geschmacksnuancen nachspüren, eine Streitfrage bleiben, ob die nun auf amerikanischen Unterlagenhölzern gezogenen Trauben eine Aromaeinbuße erlitten, oder ob der neue Wein die gleiche Güte hat wie vor der Katastrophe. Endgültige Gewissheit wird man, da es keine Vergleichs­möglichkeiten mehr gibt, nie erhalten. Aber der Wein wurde gerettet. Dies ist das Wesentliche. Und noch immer werden in Europa die Reben vor dem Pflanzen auf reblaussichere "resistente" Unterlagen gepfropft.

1934<verlegte Reichsjägermeister "Meier" als preußischer Ministerpräsident den Tiefenbacher Rebschnittgarten nach Saale/Unstruth>. 2 Jahre zuvor waren Stadt und Kreis Wetzlar, seit 1815 zur Preußischen Rheinprovinz gehörig, der Provinz Hessen-Nassau zugeleitet worden. Der bisherige Verwaltungssitz wechselte von Koblenz nach Wiesbaden. Inzwischen hatte man aufgrund des gelungenen "Tiefenbacher Experimentes", weitere Unterlagen-Muttergärten eingerichtet. Und so wiederholte sich das im 30jährigen Krieg erlittene Schicksal zum zweiten Mal. Der "Wingert" wurde erneut aufgelassen.

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