Tiefenbacher Winzergemeinschaft e.V.
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Kein Zuckerschlecken

Ein Weinberg ist nichts für Romantiker

Glaubt man einer Umfrage im "Gentlemen's Digest", sollen 68 Prozent aller Männer zwischen 29 und 65 Jahren in ihrem Leben schon einmal von einem eigenen Weinberg geträumt haben. Für Thomas Wolfrum ist es längst kein Traum mehr: Mit seinem Weinberg gehört er zu jenen 84 Prozent aller Weinbaubetriebe in Württemberg, die laut dem Jahresbericht 2007 der Staatlichen Lehr-und Versuchsanstalt für Wein-und Obstbau Weinsberg als sogenannte Hobbywengerter eingestuft werden, weil die bewirtschaftete Rebfläche unter einem Hektar liegt. Der Vorsitzende der Vereinigung der Weingärtner und Freunde des Schimmelhüttenweges in Degerloch kennt die Weinberg-Realität seit vielen Jahren. Natürlich sei es schön, sich einen
Weinberg zu kaufen. "Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass ein Weinberg nicht nur viel Arbeit verlangt, sondern auch konsequentes Handeln." Der Weinberg bestimme zu jeder Jahreszeit, wann was zu tun sei. Wer da drei Wochen in Urlaub gehe, riskiere unter Umständen die Arbeit eines ganzes Jahres, weil vielleicht gerade in dieser Zeit  Schädlingsbekämpfung angesagt sei.

Wer sich für einen Weinberg interessiert, sollte erst einmal ein Jahr lang bei jemandem mitarbeiten, der schon einen Weinberg hat, empfiehlt Wolfrum. "Lebenskünstler und Sozialromantiker werden im Weinberg nicht glücklich." Das sieht auch Württembergs Weinbauverband-Präsident Hermann Hohl so. "Wer ein entsprechendes Grundstück kaufen oder pachten will, ist gut beraten, sich vorher mit einem Weingärtner sehr intensiv zu unterhalten." Oftmals klaffen zwischen Traum und
Wirklichkeit erhebliche Lücken. "Die Vorstellungen der Leute sind oft ganz andere. Einen Weinberg zu bewirtschaften, ist kein Zuckerschlecken", betont auch Hohl. Hinzu kommt, dass in Württemberg nicht allzu oft Flächen zum Kauf angeboten werden. "Aber es gibt immer mal wieder die Gelegenheit", weiß der Weinbaupräsident. Meistens dann, wenn im Rahmen eines
Generationenwechsels weder der Sohn noch die Tochter den Weinbaubetrieb weiterführen wollen.
Während die Betriebe dann oft verkauft werden, wird der Weinberg zunächst für eine gewisse Zeit verpachtet.

Hohl: "Manche Eltern haben die Hoffnung, dass vielleicht die Enkel eines Tages wieder Lust am Weinbau haben." Reich wird man selten damit. Die meisten der in der Weinbaukartei gemeldeten 13.473 württembergischen Betriebe bewirtschaften maximal ein bis eineinhalb Hektar, manche auch nur 30 oder 40 Ar. Ein Hektar entspricht etwa der Fläche eines Fußballfeldes von 90 mal 120 Metern. Für den einen oder anderen gehört es aber einfach auch zur Tradition, den Weinberg der Großeltern weiterhin zu pflegen und zu bewirtschaften. "Da kommt es weniger auf den Gewinn an", weiß der Weinbauverband-Präsident.
Für ein Hobby ist die Arbeit viel zu schwer Auch für die meisten Degerlocher Wengerter steht der Gewinn nicht an erster Stelle. "Für ein Hobby ist die Arbeit aber auch viel zu schwer", meint Thomas Wolfrum schmunzelnd und erklärt, dass in Steillagen wie in Degerloch der Arbeitsaufwand etwa drei-bis viermal so hoch sei wie in normalen Lagen. In Spitzenzeiten könnten für ein fünf Ar großes Grundstück am Scharrenberg schon zweieinhalb Arbeitstage pro Woche anfallen. Der Vorsitzende der Vereinigung der Weingärtner und Freunde des Schimmelhüttenweges sieht die Aufgabe der Weingärtner am Scharrenberg deshalb auch mehr als Beitrag zum Natur-und Kulturschutz. "Wenn wir hier 20 Jahre  nichts machen, ist das alles Wald." Um an ein entsprechendes Grundstück zu kommen, kann man sich in Württemberg an den Weinbauverband oder die zuständige Landwirtschaftsverwaltung wenden. Manchmal haben auch Städte und Gemeinden Weinberge zu vergeben. Nach dem Grundstücksverkehrsgesetz haben aber Landwirte und Weingärtner immer dann ein Vorkaufsrecht, wenn der Weinberg größer als 50 Ar ist. Die Grundstückspreise für einen Wengert sind sehr unterschiedlich. Während am Degerlocher Scharrenberg der Quadratmeterpreis zwischen 10 und 15 Euro liegt, empfiehlt Weinbauverband-Präsident Hohl Interessenten, sich vor Ort bei der Gemeinde zu informieren. Für Thomas Wolfrum kommt es beim Preis aber auch darauf an, in welchem Zustand die Mauern des Weinbergs sind. "Wenn die kaputtgehen und aufgerichtet werden müssen, kann das schnell in die Zehntausende gehen, wenn man es nicht selber machen kann." Wichtig sei aber auch der Zustand der Rebstöcke, der Drahtanlage und der Pfosten. Wer einen Weinberg erwerben will, sollte noch eine Besonderheit in Europa kennen. Neben der Immobilie "Weinberg" erwirbt der Käufer oder Pächter in der Regel immer auch ein Bepflanzungsrecht. Erst damit wird ein Weinberg auch zu einem Weinberg. Dadurch soll verhindert werden, dass x-beliebige landwirtschaftliche Flächen zu Rebflächen umgewidmet werden. Denn Weinbau ist um ein Vielfaches rentabler als zum Beispiel der Anbau von Getreide. Dieses Recht
erlischt erst nach 13 Jahren, wenn nach einer Rodung der Weinberg nicht wieder bepflanzt wurde. Allerdings kann man sich auch Pflanzrechte von außerhalb hinzukaufen. Diese Pflanzrechte sind je nach Anbaugebiet unterschiedlich teuer. Während im Badischen Pflanzrechte für circa einen Euro pro Quadratmeter gehandelt werden, liegt der Preis pro Quadratmeter im Württembergischen zum Teil um ein Vielfaches höher, heißt es aus dem Landwirtschaftsministerium. Da in Württemberg
allerdings rund 98 Prozent aller bestockten Flächen Pflanzrechte tragen, spielt das keine große Rolle. Zumal die Europäische Union plant, den Anbaustopp für Reben ab 2018 aufzuheben. Das hätte allerdings nach Ansicht von Landwirtschaftsexperten fatale Folgen für die Weingärtner im ganzen Land. Fiele der Anbaustopp tatsächlich, wie von der Europäischen Union festgeschrieben, in acht Jahren, könnten ganze Landstriche mit Rebstöcken aufgepflanzt werden. Das würde vielen der
rund 40.000 weinbautreibenden Personen in Baden-Württemberg die Erwerbsgrundlage entziehen, vermuten Experten.

Wem das alles zu umständlich und zu kompliziert ist, kann sich auch im Internet umschauen. Dort gibt es eine ganze Reihe mehr oder weniger ernstzunehmender Angebote rund um den "eigenen Weinberg". So bietet ein Unternehmen auf Mallorca 30 Quadratmeter große Zellen "in traumhafter Lage" feil mit "offiziellem Weinberg-Zertifikat, Lageplan und persönlichen Weinberg- Koordinaten". Ein anderer Dienstleister empfiehlt eine Patenschaft "mit Kennzeichnung der Rebe mit Namensschild und jederzeitigem Besuchsrecht der Rebe inklusive einem Gläschen Wein". Das gibt es auch bei Thomas Wolfrum inklusive Vesper und traumhafter Aussichtslage -nach getaner Arbeit in seinem Weinberg.

 

 

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